Donnerstag, 26. April 2012

Brasme, Anne-Sophie - Dich schlafen sehen


Autor: Brasme, Anne-Sophie
Titel: Dich schlafen sehen
Originaltitel: Respire
Verlag: Goldmann
Erschienen: 2002
ISBN-10: 3442309905
ISBN-13: 9783442309900
Seiten: 192
Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
Serie: ---


Inhalt

Charlène ist schon in jungen Jahren ein ziemlich schwieriges Kind. Sie ist eine Einzelgängerin und lebt in ihrer eigenen Welt. Und meist kümmert sich auch niemand darum, was sie tut.  Sie beginnt schon in diesen jungen Jahren sich selbst zu hassen und projiziert diesen Selbsthass auf alles andere in ihrem Leben.
Nur wenigen Menschen gelingt es tatsächlich zu ihr vorzudringen. Einer, der es gelingt ist Vanessa, eine Freundin, die sie aber sehr schnell durch den Umzug Vanessa’s verliert.
Wieder bleibt sie allein zurück. Und dann lernt sie Sarah kennen. Sarah ist alles, was Charlène nicht ist. Selbstbewusst und zielstrebig. Die beiden werden Freundinnen. Was Charlène allerdings nicht bemerkt ... Sarah spielt ein falsches Spiel, mit furchtbaren Konsequenzen.


Leseprobe

Jetzt, in den Stunden, wenn es Nacht ist, wandert ein kalter und farbloser Schatten umher. Er kriecht den Mittelgang entlang, ehe er unter den Eisentüren hindurch in diesen kleinen, von Zellenwänden umschlossenen Raum schlüpft. Und es ist immer dieselbe undurchdringliche Dunkelheit, die uns am Abend besucht, regelmäßig, unveränderlich. So sehr wir auch in diese Leere starren, die plötzlich die Welt vor unseren Augen verhüllt, so kommt es doch immer wieder vor, dass hinter den elektrischen Zäunen, die den Hof umgeben, bis zum ersten Tageslicht kein Orientierungspunkt mehr zu erahnen ist, in diesem Nichts ohne Anfang und
Ende.
Hier markieren die schweren, verhallenden Schritte der Wärter den Beginn unserer Nacht. Es ist genau Mitternacht, wenn um uns herum kein Laut mehr die Stille durchbricht. Genau in diesem Augenblick überkommt jede von uns dasselbe Gefühl der Einsamkeit und Verwirrung.
In jenen Stunden schläft niemand ein.


Meine Meinung

Ich bin geschockt und tief bewegt. Sehr eindringlich und fesselnd beschreibt Anne-Sophie Brasme, was im Leben eines jungen Mädchens nicht alles schief gehen kann. Nichts lässt sie aus oder beschönt es. Dieses Buch zu lesen war für mich sehr beklemmend. Denn einiges erinnert mich sehr stark an mich selbst, wobei ich nie so tief darin verwickelt war wie Charlène.
                       
Sie ist ein junges Mädchen, ein Kind reicher Eltern. Und es zeigt sich sehr schnell, dass Geld nicht alles heilen kann. Ihre Eltern verstehen das wilde Mädchen nicht und zeigen ihre Liebe nur in Form von materiellen Dingen. Die Liebe lernt Charlène nie richtig kennen. Erst in ihrer Freundschaft mit Vanessa scheint sie aufzutauen und am Leben teilzunehmen. Das die allerdings ein zusätzlicher Faktor für den weiteren Verlauf der Ereignisse ist zeigt sich dem Leser sehr schnell. Denn was passiert, wenn die einzige Freundin von der Bildfläche verschwindet? Richtig ... das tiefe Loch wird nur noch größer. In dieser Situation lernt Charlène dann Sarah kennen. Erst scheint es, als ob sie eine ebenso gute Freundin wie Vanessa wird. Doch ab diesem Punkt kann Charlène dann auch nicht mehr zurück als alles in Scherben zerfällt. Ihre stummen Hilferufe bleiben unbeantwortet. Sehr eindrucksvoll schildert die Autorin die Gefühle, die einem solchen Menschen wohl durch den Kopf gehen.
Charlène wird immer mehr zu einem Schatten, völlig abhängig von der Aufmerksamkeit Srarah’s. Ab diesem Zeitpunkt hätte nur psychologische Betreuung helfen können. Doch nichts davon passiert. Sie bleibt mit Sarah allein. Im Alter von 16 lernt sie dann schließlich einen Jungen kennen. Für kurze Zeit gelingt es ihm sie aufzufangen. Doch sie ist schon zu tief in dem Netz gefangen ... kann sich nicht mehr daraus befreien.

Das Ende bekommt der Leser schon am Anfang des Buches zu sehen. Das unausweichliche Resultat von Erniedrigung und seelischer Folter. Wir sehen einen gebrochenen jungen Menschen. Was am Ende aus Charlène wird erfährt der Leser nicht. Nur die nackte Wahrheit leuchtet aus diesem Dunkel heraus.
Den Schluss bereits am Anfang zu zeigen schmälert jedoch die Spannung des Buches in keinster Weise. Man will genau wissen, wie es dazu kommen kann, was alles nötig ist um einen Menschen dazu zu treiben. Innerhalb von 24 Stunden hatte ich alles aufgedeckt und war durch das Leben von Charlène gegangen.

Die Erzählweise ist dabei von größter Bedeutung. Wir sehen alles durch Charlène’s Augen. Wir sehen ihre Erinnerungen. Hauptsächlich beschreibt sie uns ihre Gefühle und die Bilder, die ihr in Erinnerung geblieben sind. Nur sehr wenige Dialoge sind darin eingestreut. Die unterstreicht noch mehr dieses bedrückende Gefühl.

Zum Cover. Man sieht den nackten oberen Rücken und den Hinterkopf eines Mädchens. Ihre langen Haare verbergen ihr Gesicht. Die Haltung zeigt ein gebeugtes, vielleicht am Boden kauerndes, Mädchen. Es strahlt Mutlosigkeit und Verzweiflung aus. Sehr passende zum Buch und sehr ansprechend.

Dieses Buch empfehle ich unbedingt weiter. Vielleicht werden die Menschen dann auch mal genauer hinsehen. Nicht jedes Lachen heißt, das es dem betreffenden Mensch auch gut geht. Man muss unter die Fassade blicken um zu verstehen. 





Autorenportrait

Anne-Sophie Brasme (* 1984 in Metz) ist eine französische Nachwuchsautorin. Sie schrieb mit 16 Jahren ihren ersten Roman Dich schlafen sehen (Originaltitel Respire). Sie sorgte damit nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland für Furore: Der Roman stand wochenlang auf den Bestsellerlisten, und die Buchrechte wurden in 17 Länder verkauft.
Er handelt von einer Freundschaft, die bis zur Besessenheit ausartet. Durch ihren beeindruckenden Stil stand Brasme monatelang auf der Bestsellerliste Frankreichs.
Ihr zweiter Roman Das erste Mal sah ich sie an einem Samstagnachmittag (Originaltitel Le carnaval des monstres) gilt ebenso als ein Meisterwerk. Hier geht es um die Hässlichkeit zweier Menschen, die sich beide durch eine unglaubliche Leidenschaft zerstören.
Seither gilt Anne-Sophie Brasme als eines der viel versprechendsten Talente der jungen französischen Autorengeneration. Inzwischen studiert sie in Paris an der Sorbonne »Moderne Literatur«.


Kommentare:

  1. Wunderschöne Rezi... Ich bekomme gleich Lust das Buch zu lesen

    Lieben Gruß N-i

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    1. Man hat es zwar schnell durch, aber es ist echt beklemmend sowas zu lesen. War auf jeden Fall gut :)

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